someabout.net


Homophobie ist heilbar!



Coming Out – ein phenomenologischer Schreibversuch –

3 Kommentare

Dieser lauwarme Frühlingsabend im Mai sollte der erst mal abschließende Schritt in seine Freiheit sein. Er wusste nicht, wie sie, seine Mutter, die die ihn inzwischen mehr als 17 Jahre lang großgezogen hatte darauf reagieren würde. Nichteinmal von langer Hand geplant hat er es, es war seine freie, spontane Entscheidung.
Es muss so gegen 20:30Uhr gewesen sein, er löste sich vom Computer und seinen Chatpartnern, die nun fast alle wussten, worum es ging, sie wussten zwar nicht was er tat, aber viele wussten seinen Grund. Mit langsamen aber beständigen Schritten ging er auf den Balkon, wo seine Mum gerade Abendbrot aß, nachdem sie von einem 8h Tag endlich zuhause angekommen war.
Je näher er dem Balkon kam, desto mehr fing er an zu zittern, seine Beine, sein ganzer Körper. Als ob der Weg unerreichbar wäre, aber er ging weiter, er wollte doch wenigstens in diesem Aspekt ungezwungen und frei leben können. So schritt er hinaus und stellte sich an die Tischfront. Tick. Tack. Wenn eine Wanduhr dagewesen wäre, hätte man sie lautstark ticken hören können.
Drei Minuten stand er nun schon da, wankend und sich am Stuhl festhaltend. „Was ist los mit dir?“ fragte sie ihn. „Ach ich weiß doch auch nicht, es ist…kompliziert“. Seine Stimme erzitterte, er bekam einen leichten Schweißausbruch – war er wirklich stark genug für diesen Schritt? Das Herz rutschte ihm merklichst in die Hose.
Minutenlang stand er nun schon da, erfüllt von Angst aber auch von dem Traum, endlich seine Freiheit leben zu dürfen, er selbst sein zu dürfen. Er selbst sein, die Freiheit die er so gerne hätte. Eine Freiheit die er zumindest zum Teil an diesem Abend erlangen konnte. Jetzt. Jetzt war der entscheidende Augenblick. Er konnte nicht zurück, sie würde sonst nicht lockerlassen, und verstehen würde sie es erst recht nicht.
Er hatte zwar keine Angst, woher er die Kraft nehmen sollte, aus der Liebe Kraft zehren konnte er nicht, wie auch?! Es gab ja keine. Logisch war es auch nicht, als das er sein Gehirn hätte anzapfen können. Die Kraft kam einfach, sie war da, wie ein Impuls. Ein Impuls, den er hoffte noch lange spüren zu dürfen.
Bilder sagen mehr als tausend Worte – hätte er es ihr aufmalen sollen? Nein, es wäre nur noch zu einem Missverständnis gekommen, er musste also reden. Doch wie sollte er anfangen?
„Mutti…“stotterte er „ich muss mit dir reden.“ Sein Puls betrug nun 160, seine Umwelt war vollkommen ruhig. Seine Schwester in ihrem Zimmer, nichts ahnend von dem, was draußen vor sich ging. Seine Freunde ahnungslos. Er selbst – schutzlos.
„Du…du wirst nie Enkel bekommen“. Es waren zwar nicht die drei Worte, die er hätte sagen wollen, aber es war der Schritt in die richtige Richtung. Doch seine Mutter verstand ihn erst nicht, er musste also weitererzählen „…es…wird auch nie eine Freundin geben“ – „einen Freund?“ fragte sie also. Er bejahte. In diesem Moment, fühlte er einfach nur pure Freiheit.
Sich einzugestehen, dass man Schwul ist, ist die eine Sache, das seiner Umwelt zu beweisen und zu erklären eine andere. Aber es gibt einem selbst ein unglaublich tolles Gefühl der Freiheit. Welches ich nicht mehr vermissen möchte.

+++

Dieser Text stammt von Nico, der ihn ursprünglich auf Nico’s Blog und FAST ToBi veröffentlicht hat. Herzlichen Dank an Nico an dieser Stelle!

Gebloggt von Gastautor

24. August 2009 | 19:20 Uhr

3 Kommentare zu 'Coming Out – ein phenomenologischer Schreibversuch –'

Kommentare abonnieren mit RSS oder setze einen Trackback zu 'Coming Out – ein phenomenologischer Schreibversuch –'.

  1. Solche coming out – geschichten sind immer wieder anrührend. Aber sie sollten sich irgendwann endlich einmal verüberflüssigen. Bestimmt gibt es noch andere anrührende Geschichten über die Männerliebe, ausser dieser Art. (Nicht persönlich gemeint!)
    Ich mag diese Psychomasotrips nicht mehr. Am Schluss sind wir als Gruppe den Heteros noch dankbar dafür. :-(

    Thommen

    25. Aug 09 at 15:57

  2. @Thommen:

    Wichtig ist mir dabei immer das Fazit eines solchen Textes. Und das ist in diesem Fall doch positiv.

    Natürlich müssen wir davon wegkommen, dass das Thema Coming-Out so eine große Sache ist. Aber, die Realität sieht nun einmal völlig anders aus. Sich selbst einzugestehen, schwul zu sein, kostet immer noch riesengroße Überwindung. Auch mir ging das so.

    Wir sind einfach noch nicht an dem Punkt, an dem wir solche Texte nicht mehr brauchen. Wir sind auf dem Weg dorthin. Aber die Zeit ist noch nicht reif. Eine Gesellschaft wandelt sich nicht von heute auf morgen.

    Nichtsdestotrotz muss das Ziel sein, dass ein Coming-Out keine große Sache mehr ist, da gebe ich dir vollkommen Recht.

    Henning

    25. Aug 09 at 16:39

  3. Ich habe zwar keine Ahnung was ein phenomenologischer Schreibversuch (verkünsteln um intelligenter zu wirken?) ist, aber eure Kommentarormeinungen teile ich nicht.

    Vielleicht habt ihr auch einfach nur den dritt vorletzten Satz nicht gelesen. Ein Coming Out wird immer eine große Sache sein. Nicht die Selbsterkenntnis, dass man einer Minderheit angehört. Nicht die Erkenntnis, das man seine Sexualität ausleben wird.

    Das entweder/oder bei der Konfrontation der Umwelt, dass: akzeptiert es oder ich bin weg. Dieser Punkt wird immer Überwindung kosten, egal wie aufgeklärt die Gesellschaft ist.
    Es ist die Stelle im Leben eines Homosexuellen, wo er bereit ist auch mit seiner Vergangenheit zu brechen. Vergleichbar vielleicht mit : have the balls“. (für alle nicht Amis: ich bin so und ich stehe dazu [eine heute eher seltene Eigenschaft, auch in Germany])

    hp

    25. Aug 09 at 21:55

Hinterlass' doch einen Kommentar!