someabout.gay
Sie hatten es sich so schön überlegt: “Wenn wir erst eine eigene Endung für Internetseiten haben, wird alles gut. Alle werden sich erkennen und ganz toll als eine große Gruppe fühlen. Und dann können wir geschlossen als Gruppe gegen die Hinrichtungen Schwuler in Iran vorgehen.”
Nun war es also geschehen – mit der offiziellen Umbenennung von gayromeo.de zu gayromeo.gay war die von Aktivisten geforderte Einführung der Top-Level-Domain .gay endlich auch in Deutschland angekommen. Aber wozu?
Als erstes schrie – wie sollte es anders in Deutschland sein? – die Katholische Kirche auf: Es wäre gegen die göttlichen Ordnung – und wenn man schon dabei wäre (die katholische Kirche hatte es einfach verpennt, auf den Zug der Evangelikalen in den USA aufzuspringen), könnte man auch direkt die Endung .kath einführen. Die CSU packte die Gelegenheit beim Schopfe und schickte, weil Generalsekretär Dobrindt einen Schnupfen und keinen Stellvertreter hatte und seine Vorgängerin Christine Haderthauer im Urlaub auf den Malediven weilte, deren Vorgänger Markus Söder an die Front. Aufgrund der besonderen Bedeutung Bayerns in Deutschland, Europa und der Welt – man denke nur an die schuhplattelnden Lederhosendeutschen im Disneyland Resort in Anaheim, California – sei dies nötig. Er zitierte seinen politischen Ziehvater Edmund Stoiber, dass den Fernseh- und Radiojournalisten die Ohren schlackerten: “Das bedeutet natürlich, dass das Internet im Grunde genommen näher an Bayern … an die bayerischen Städte heranwächst, weil das ja klar ist, weil in dem Internet viele Linien aus Bayern zusammenlaufen.” Es war ihnen unmöglich, diesen Irrsinn in einen Bericht zu pressen – nur die Printmedien hatten es gut: sie konnten frei interpretieren und kürten Markus Söder zum besten Stoiber-Parodisten seit Edmund Stoiber.
Aber nun. War ja auch nicht mehr zu ändern. Nichtsdestotrotz machte sich der eigens dafür gegründete Verband der Heterosexuellen (VdH) die Mühe, in einer Pressemitteilung die Endung .str wie straight zu fordern – eine Anmerkung, die der LSVD nicht unwidersprochen hinnehmen konnte. Was sei denn mit den Klemmschwestern und Familienvätern, ja generell Menschen, die plötzlich ihr Coming-Out hätten?
So schnell war aus dem Vorschlag, dass Aktivisten, die sich vernetzen wollten, freiwillig die Endung .gay kaufen konnten, ein Zwang geworden, den selbst die NPD und Mahmud Ahmadinedschad gut fanden (wenn die das gewusst hätten, dass sie einander zustimmten …!). In einer Rede, die dummerweise ein Gast mit seinem Handy mitgefilmt hatte – man fühlte sich unangenehm an eine Wahlkampfrede der ehemaligen Familienministerin Von der Leyen erinnert, die unter dem Namen “#Zensursula” nicht besonders gut in der Geschichte weggekommen war – forderte der NPD-Vorsitzende wortgleich (!) mit Ahmadinedschad die “verpflichtende Kennzeichnung gesellschaftszersetzender Internetseiten” und schlug für die eh schon vorhandenen .gay-Angebote die Wiedereinführung des Rosa Winkel als Favicon vor – eine Provokation, die Charlotte Knobloch von Berufs wegen als Vorsitzende des Zentralrats der Juden und ewige Mahnerin gegen das Vergessen nicht unerwidert lassen konnte. Der LSVD war sonderbar still. In allem, was noch kommen würde, sollte Frau Knobloch die einzige Stimme der Vernunft bleiben, die es bis in die Tagesschau schaffen würde.
Es war Pragmatiker Schäuble von der CDU, der letztlich das ganze Theater als das enttarnte, was es war – und das, indem er das tat, was er sonst auch tat: Er ging an die Presse, rollte vor die Fernsehkameras und verkündete die Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung und Onlinedurchsuchung auf die reale Welt und die Psyche der Bürger. So solle sichergestellt werden, dass nur Homosexuelle diese Endungen registrieren können dürften.
Da es die Rechtslage aber nicht hergab und Guido Westerwelle himself als Außenminister im Falle einer Verabschiedung eines Gesetzes zur Kennzeichnung Homosexueller vor das Bundesverfassungsgericht ziehen wollte, wurde aus den ganzen hochtrabenden Plänen nichts.
Letztlich war es aber Aldi. Der Discounter bot die .gay-Domain im Onlineshop für einen lächerlichen Euro pro Monat an. Kaufen wollte dieses Schnäppchen jedoch niemand. Die Homosexuellen war schon zu weit, um auf so eine perfide Diskriminierung hereinzufallen.
PS: Danke an queer.de für diese unglaubliche Meldung.




So eine TLD wäre übrigens auch unglaublich praktisch für Regime die schwul-lebische Inhalte komplett sperren.
Thomas D.
29. Aug 09 at 11:33