En vacances en France XI
The Day After
Es drang ein stampfen an sein Ohr. Ein falscher Ton, noch einer, eine Explosion von Tönen erreichte seinen Gehörgang. Marcel drehte sich langsam um. Verschwommen nahm er die Umrisse seines Radioweckers war. Sunshine Live zerrte an seinen Nerven. Selbst war er zu faul, seine Arm unter dem Kopf hervor zu ziehen und die Austaste zu betätigen. Er fasste unter sein Kissen und drückte es sich an den Kopf.
Mit einen lauten Knall öffnete sich die Tür.
„Ob der Herr noch aufzustehen gedenkt? Die Zwillis sollten auch bald im Kindergarten sein.“
Sein Vater. Der Boss. Besser als der Zweitboss bekannt. Der Boss war hier eindeutig seine Mutter. Sein Vater redetet sich diese Rolle nur ein.
Marcel schob die Decke zur Seite, zischte ein leises „F*** dich“ und stieg aus dem Bett.
Auf dem Weg ins Badezimmer dachte er noch einmal an seinen Traum. Ihm fielen nur Bruchstücke ein. Irgendetwas in Frankreich. Ein Urlaub oder ein Besuch. Marcel verband ein Auswendiglernen von Vokabeln mit diesen Land. Er war noch nie dort. Noch nie in Paris.
… Noch niemals in New York. Noch niemals auf Hawaii.
Dummes Lied. Woher kannte er es? Vielleicht hatte er es bei seinen Großeltern gehört.
Ich war noch niemals richtig frei.
Noch im Halbschlaf, angesäuert, dass er sich nicht mehr an diesen Traum erinnern konnte, dass sein Vater ihn unsanft geweckt hatte und die Zwillis schon laut in Erdgeschoss durch die Küche tobten, stieß er mit seinem linken Fuß die Badezimmertür auf.
Ein kurzer Blick in den Spiegel, die Zahnpaste aus der Tube auf die Bürste drückend, nein, ihm fielen keine weiteren Detail aus der letzten Nacht ein. Nur sein Penis schmerzte, war hart und pulsierte unangenehm. Keinerlei Bilder kamen in sein Gedächtnis zurück. Missmutig stellte er die Zahnbürste an und wollte gerade wieder zu fluchen anfangen, weil ein Teil der Zahnpaste nicht in seinen Mund, sondern in der Waschschüssel landete und sich dort einen geschwungenen Streifen in Richtung des Ausgusses bahnte.
Wie eine Schnecke. Eine Nacktschnecke dachte er. Schutzlos im Wegrennen vor einen virtuellen Feind. Schutzlos fühlte es sich auch. Wieder einmal. Schutzlos, ungeliebt und müde.
Marcus spülte seinen Mund und versuchte noch mit seinen linken Zeigefinger den Wasserstrahl so zu lenken, dass er die anhaftende Zahnpasta ablösen würde. Nachdem er etwas Mundspülung zu sich genommen hatte, griff er sich ein Handtuch, zog seinen Slip aus und stellte die Dusche an.
Als Kind mochte er diese Dusche. Diese altmodisch braunen Fliesen, die schwere Handbrause. Wenn die Wassertropfen auf sein feuchtes Haar trafen und langsam, über seine Stirn, an der Nase und den Lippen vorbei, den Weg auf seinen Körper suchten. Diese Mischung aus plätschern und zischen, kleine eingeschlossene Sauerstoffbläschen, die an seinen Brauen hingen, dazu diese feuchte Wärme. Dies waren Erinnerungen. Heute empfand er die Dusche als enger abgeschlossener Käfig. Lustlos seifte er sich ein, seine schaumige Hand bearbeitete sein nicht erschlaffendes Teil. Schon wollte er sich zur Wand drehen, dachte dann aber an die nicht abgeschlossene Tür, die wartenden Zwillinge und an seinen Vater.
Verdammter Zeitdruck. Schnell abbrausen, abrubbeln, das nasse Handtuch um die Hüfte schlingen und mit ein wenig Gel seine Haare wenigstens etwas in Form bringend, war er nach wenigen Minuten wieder in seinen Zimmer angekommen.
Genauso lustlos, aber frisch geduscht.
Die grauen Wolken hingen immer noch über den alten Fichten, die den Sportplatz und das Freibad säumten. Er sah von seinen Dachzimmer über sie hinweg und konnte im Nebel den beständig rauchende Schornstein der Ziegelei erahnen. Die alten Fenster waren undicht. Bei jeden Windstoß wurden sie ein wenig nach innen gedrückt um mit einen dumpfen klirren kurz darauf wieder in den Rahmen zurück zu kehren.
„Jetzt nicht träumen, Marcel“ sagte er zu sich selber, packte die restlichen Sachen in seine Tasche, knotete noch ein Freundschaftsband um seinen dünnen linken Unterarm und schlürfte lustlos die alte Treppe hinunter.
… Ging nie durch San Francisco in zerrissenen Jeans.
Dieses dämliche Lied ging in nicht aus dem Kopf. Im Erdgeschoss legt er die Tasche auf die letzte Treppenstufe, murmelte ein leises „Moin.“ und ging ansonsten wortlos in die Küche. Sein Vater murmelte eine Erwiderung, seine Mutter sprach über ihren Tagesplan und die Zwillinge versuchten, sich gegenseitig die Mützen über die Augen zu ziehen.
Marcel betrachtete dieses Bild und sah eine geschlossene Familie: der Vater, die Mutter, die Zwillinge. Er stand daneben und beobachtete das Geschehen. Fühlte sich nicht dabei, nicht eingeladen, er störte diese scheinbare Idylle.
Sein Vater, noch einen schnellen Schluck aus seiner Kaffeetasse nehmend, murmelte dabei etwas, dass klang als ob er sich beeilen solle, bevor er mit der flachen Hand auf den Küchentisch schlug, „Bis später!“ sprach und über den kleinen, verwilderten Garten das Haus verließ.
Marcel griff schnell zu zwei unbelegten Toastscheiben, biss von einer ab und trieb die Zwillinge auf den Flur. Sein Magen klammerte sich in seinen Bauch fest. Er spürte wie sich, wie schon so oft, seine Luftröhre verengte und er begann durch die Nasenflügel leicht zu pfeifen. Die Zwillis hatten sich heute wieder vorgenommen, ihren eigenen Kopf durchzusetzen und begannen abwechselnd auf der Kellertreppe hin und her zu springen. Marcel ignorierte es diesmal, er stellte seine Wut zurück, schnappte sich einen der beiden und schob ihn in die Stiefel, zog den Reißverschluss hoch und stellte ihn, bevor er noch reagieren konnte vor der Haustür ab. Der zweite erkannte an seinen Blick die ausweglose Situation und lies sich willenlos ebenfalls anziehen und auf die Straße stellen.
Die Fahrt und die Abgabe der beiden klappte wider Erwarten gut. Vielleicht waren die zwei, so wie er, einfach zu müde oder das Wetter hatte ihnen zugesetzt. Auf dem Rückweg vom Kindergarten zur Bushaltestelle stoppte plötzlich ein Auto neben ihn. Marcel blickte durch seine in die Stirn gezogene Mütze und sah Patrick in seinen blauen Ford sitzen. Sein erster Gedanke war wie immer „Schwanzverlängerung“ sein zweiter Gedanken entzündete so etwas wie ein kleines Feuer in ihm. „Hallo, komm ich nehme dich ein Stück mit“. „Moin, danke gern, du und deine Schwanzverlängerung, hast das doch eigentlich gar nicht nötig.“ Marcel lächelte über seine spontane Eingebung, gab ihn kurz seine kalte Hand und zog den Gurt von der Seite zu sich hinüber. Denn eigentlich war er sehr froh darüber, nicht mit dem Bus fahren zu müssen. Diese kleinen Quälgeister hatten schon am frühen Morgen so viel Energie, wie er den ganzen Tag nicht aufbringen konnte.
Er atmete tief ein und schloss die Augen.
Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.
Anmerkung: Der Gewinner lässt uns für nächste Woche einen weiteren Teil zukommen, daher keine Umfrage.




Eine Geschichte, zwei vollkommen unterschiedliche Schreibstile. Das passt nicht zusammen. Es sollte ein Autor schreiben, nicht viele. Das passt aber gerade zum Gesamtbild des Blogs…
Phillip
7. Sep 09 at 14:46
@Phillip:
Zur Kritik an der Geschichte: OK. Zur Kritik am Blog: Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn du konstruktiv schilderst, was dir am Blog nicht gefällt, aber diese Andeutungen helfen nicht weiter.
–
Ich persönlich finde den Wechsel des Schreibstils interessant. Denn es passt etwas dazu, dass man im Traum meist anders denkt, als in der Realität. Zumindest weiß ich jetzt auch nicht mehr, wo die Geschichte hinführt. Es ist etwas wirr, aber ich bin gespannt!
Henning
7. Sep 09 at 19:21
@Henning: Das hatten wir doch schon alles am Telefon.
Aber bei der Fortsetzungsgeschichte habe ich den Eindruck, dass sie gewisser Lustlosigkeit zum Opfer fällt. Ich bin gespannt wie Marvin weiterschreibt wenn die zwei Gewinnerfolgen durch sind. Das gibt mehrfachen Stilwechsel innerhalb einer Geschichte. Keine gute Idee.
Phillip
7. Sep 09 at 20:51
Wenn ich mich dazu auch mal äußern darf:
Die Fortsetzungsgeschichte fällt meiner Schule zum Opfer. Die Zeit ist einfach sehr knapp. Betrachte es als Ausrede, wenn du willst.
Ich spiele sogar mit dem Gedanken, das Ganze komplett zu beenden, wobei ich das nicht so recht will.
Die Sache mit dem Stilwechsel lasse ich mir auch noch mal durch den Kopf gehen.
Wartet bis zum Wochenende; dann weiß ich selbst auch mehr.
Marvin
8. Sep 09 at 20:19