31,2 Prozent – oder doch nur 3 Menschen?

Fotograf: HamburgerJung | CC BY NC SA 2.0
Am Donnerstag ging es groß durch die Medien, die Tagesschau berichtete darüber und nicht wenige Zeitungen befassten sich am folgenden Tag damit: In einem von der US-Armee durchgeführten Impftest gelang es laut Aussagen der Forscher, das Risiko sich mit HIV zu infizieren, drastisch zu reduzieren.
The reduction in HIV infection risk measured in this study, 31.2 percent, was modest, but raises important implications for future research directions. HIV vaccine [hier: Impfstoff, Hendryk] researchers, funders and advocates must now continue to work together, as quickly and effectively as possible, to understand why this vaccine regimen worked as it did, how its efficacy can be improved, whether and how it may work in other parts of the world, and how to develop new vaccine candidates that expand on the level of protection achieved here. - Alan Bernstein, Executive Director der Global HIV Vaccine Enterprise, (hier die Pressemitteilung als PDF) welche laut eigener Aussage zusammen mit Wissenschaftlern, Forschern, Geldgebern, Regierungen, der Industrie und Anwälten weltweit die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes gegen HIV voranbringen will.
Das klingt jetzt zunächst mal sehr schön.
Auch UNAIDS, das Programm der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von HIV, welches sich auch um die Infizierten kümmert, ist optimistisch.
The study results, representing a significant scientific advance, are the first demonstration that a vaccine can prevent HIV infection in a general adult population and are of great importance. - UNAIDS
Und jetzt schauen uns mal die konkreten Zahlen an: 16.402 (16.395 laut UNAIDS) heterosexuelle Thailänder_innen ohne besondere Risikofaktoren nahmen an dem Versuch teil. Die eine Hälfte (somit ca. 8.200, die genaue Zahl fehlt leider) wurde mit einem Wirkstoff namens RV 144, einer Kombination aus modifizierten HI-Viren (also entfernt ähnlich zu dem Verfahren, mit dem beispielsweise gegen Masern geimpft wird; der Körper soll schon vorab Antikörper gegen die Viren bilden) und einem allein wohl unwirksamen Medikament, geimpft. Die gleich große Vergleichsgruppe bekam nur Placebos verabreicht. In der geimpften Gruppe infizierten sich 51 Menschen mit HIV, in der Vergleichsgruppe dagegen 74.
Stellt man nun die 74 Infizierten den 51 gegenüber, dann lässt sich – Dreisatz lässt grüßen – mit Fug und Recht behaupten, es hätten sich 31,2 Prozent weniger Menschen mit HIV infiziert.
Rechnen wir nun aber die Zahlen mal ein wenig um auf eine vergleichbare Größe: 74 von 8.200 sind 9,02 von 1.000 Menschen. 51 von 8.200 sind 6,22 von 1.000 Menschen. Anders gesagt: Bei 1000 Menschen besteht die Chance, dass sich 2,8 Menschen weniger an HIV infizieren. Und 2,8 von 1.000 sind immer noch 2,8 Promille. Auch wenn das jetzt ein wenig krude ausschaut: Ich will euch nur eines klarmachen: auch wenn 31 Prozent nach viel klingt, geht es um – immerhin – drei von 1.000 Menschen.
Und der Versuch wirft noch weitere Fragen auf.
Für diese Studie wurden in Thailand (das Thailändische Gesundheitsministerium war Mitorganisator) 16.000 Freiwillige mit einer Kombination zweier Wirkstoffe geimpft. Allein das wirft schon genug Fragen auf: Haben sie Kondome genutzt oder nicht? Wenn ja, verfälscht es die Versuchsergebnisse. Wenn nein, war es grob fahrlässig, wäre in Deutschland undenkbar gewesen.
Weiterhin wissen die Forscher nicht, wie der Schutz zustandekommt und funktioniert. Laut Jerome Kim, einer der Versuchsleiter, hätten die Probanden alle etwa die gleiche Anzahl an HI-Viren im Blut gehabt, unabhängig davon, welchen Pillen sie geschluckt hätten – bei anderen Schutzimpfungen bilde der Körper nach der Impfung Antikörper, die Zahl sei also höher.
Was genau in den Körpern der Probanden geschehen ist, wissen also selbst die Studienmacher nicht. Trotzdem zeigen sich auch in Deutschland Experten sehr optimistisch. - taz
Ebenfalls einschränkend sei zu nennen, dass der Impfstoff speziell auf die in Asien, Amerika und Europa vorherrschenden E- und B-Unterarten des HI-Virus hin entwickelt wurde – für die in Afrika vorherrschenden A-, C- und D-Subtypen gäbe es also weiterhin keine Aussichten auf Erfolg.
Weltweit sind derzeit etwa 33 Millionen Menschen mit HIV infiziert, rund 25 Millionen starben bereits an AIDS. Hoffnung besteht also weiterhin – überschätzt werden sollten die aktuellen Forschungsergebnisse aber nicht. Den sichersten Schutz vor HIV bieten weiterhin nur Kondome.



