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“Ach ja, im Übrigen, Sie sind HIV-positiv…”

11 Kommentare

Wie soll es weitergehen mit den HIV-Tests? Wie bisher – mit Beratung und expliziter Einwilligung? Oder zukünftig der HIV-Test als Bestandteil der “normalen Routine-Untersuchung”?

Mit diesen Wörtern veröffentlichte ondamaris heute einen Beitrag, der eine spannende Debatte erwarten lässt. Wir wollen uns mit einem kleinen Text an dieser Debatte beteiligen.

Derzeit wird der HIV-Test auf zwei verschiedene Weisen gehandhabt. In Deutschland ist es üblich, dass man sich vor dem Test beraten lässt und allgemein komplett selbst die Initiative ergreifen muss (”opt-in”). Das heißt: ein Gang zur örtlichen AIDS-Hilfe bzw. zum Hausarzt, und die explizite Bitte nach Beratung und Test. Diese Beratung umfasst auch ein Gespräch über die private und berufliche Situation und die möglichen Folgen hierfür im Falle eines positiven Test-Ergebnisses. Der Patient muss daher schon im Vorfeld selbst für das Thema sensibilisiert sein, damit er einen HIV-Test überhaupt für sich in Betracht zieht. Mehrheitlich nehmen daher eher nur Menschen die Möglichkeit eines Tests wahr, die zu einer der sog. “Risikogruppen” zählen.

Anders dagegen die Regelung in den USA. Dort sieht die Empfehlung der CDC (Zentrum f. Prävention u. Kontrolle vorrangig v. Infektionskrankheiten d. USA) vor, dass der HIV-Test im Rahmen der gewöhnlichen Routine-Untersuchung durchgeführt wird (”opt-out”). Das heißt, dass er auf gleicher Ebene mit einem Test auf Bluthochdruck o. Ä. steht. Man wird dabei einmalig über die Auswertung der Blutprobe in Bezug auf HIV informiert und kann dem zustimmen. Bei anschließenden Untersuchungen findet keine Beratung mehr statt und der Test wird ohne weitere Zustimmung durchgeführt.

Wir sind der Meinung, dass keine der beiden Ansätze eine vernünftige Lösung für den Umgang mit dem Thema HIV-Test darstellt – weder “opt-in” mit einhundertprozentiger Eigenverantwortlichkeit, noch die Herabstufung eines solchen Tests hin zur Routine, wie die “opt-out”-Variante es suggeriert. Natürlich haben beide Ansätze ihre Vorzüge. Mittels “opt-out”-Verfahren steigt die Chance für unbewusst Infizierte auf frühzeitige Erkennung und Behandlung von HIV. “opt-in” hingegen verfolgt den Ansatz, den Patienten möglichst individuell auf den Test und das Ergebnis vorzubereiten. Letzteres kann bei “opt-out”, z. B. durch den Hausarzt im Rahmen einer bloßen Routine-Untersuchung, kaum oder gar nicht geleistet werden.

Es bräuchte daher unserer Auffassung nach zunächst eine wesentlich bessere Zusammenarbeit von Ärzten und AIDS-Hilfen bzw. HIV-Informations-Anlaufstellen (z. B. durch Flyer/Visitenkarten in der Praxis) und weiterhin eine stärkere Förderung von Beratungsstellen. Dabei muss die Dichte solcher Einrichtungen noch weiter erhöht werden. Außerdem müssen Ärzte in die Lage versetzt werden, anhand des Lebensstils der Patienten erkennen zu können, ob ein HIV-Test angebracht ist oder nicht. Dies könnte beispielsweise durch einen obligatorisch gereichten, aber freiwillig zu beantwortenden Fragebogen geregelt werden, der vielleicht schon im Wartezimmer ausgefüllt werden kann.

Für uns geht es auch darum, dass dieser Test nicht zur Routine wird, sondern dass eine Zustimmung jedes Mal aufs Neue erforderlich sein muss. Die weitreichenden Konsequenzen einer möglicherweise positiven Diagnose müssen vor jedem Test aufs Neue angesprochen werden. Und auf die Allgemeinbevölkerung bezogen muss es einen Paradigmenwechsel hin zu einem Verschwinden der Tabus in Bezug auf Sexualkrankheiten geben. Die “opt-out”-Variante setzt sich zum Ziel, alle zu erreichen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn sowohl über HIV und AIDS als auch über die dafür in Frage kommenden Übertragungswege (u.a. ungeschützter Sex mit wechselnden Partnern, Nutzung verschmutzten Spritzengeschirrs, etc.) endlich normal gesprochen werden kann.

Ziel muss es sein, dass kein Test ohne individuelle Beratung durchgeführt wird. Jeder muss zu jeder Zeit wissen, was dabei auf ihn zukommen kann. Und hierbei muss der Begriff HIV-Test wegkommen von Stigmata und Vorurteilen.

Wie ist eure Meinung dazu? Schreibt uns einen Kommentar!

Autoren: Hendryk & Henning

Gebloggt von Henning

09. Oktober 2009 | 19:07 Uhr

11 Kommentare zu '“Ach ja, im Übrigen, Sie sind HIV-positiv…”'

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  1. Als ich mal krank bei meiner Ärztin war, meinte sie ohne große Umschweife, ich sei in der letzten Zeit so oft krank gewesen, sie werde jetzt einen HIV-Test machen. Da hab ich erstmal geschluckt und große Augen gemacht.

    Ich halte opt-out für deutlich besser. opt-in-Regelungen sind eine Hürde und hier geht es um ziemlich wichtige Dinge. Wichtig ist, der_dem Patientin_en gleich zu sagen, dass die Ergebnisse auf keinen Fall am Telefon weitergegeben werden sondern nur in der Sprechstunde. So hat auch das medizinische Personal im Fall des Falls Zeit sich vorzubereiten.

    opt-in hat auch das Problem, dass Menschen, die nicht in sog. “Risikogruppen” sind, sich seltener testen lassen. Das ist fatal, denn die Bezeichnung und auch häufig die Verwendung des Worts “Risikogruppe” lassen Korrelation mit Kausalität verwechseln.

    Menschen sollte es natürlich vorkommen, gelegentlich auf HIV getestet zu werden. opt-out ist da ein gutes Mittel. Mit der Zeit werden Ärzt_innen ganz selbstverständlich Kontakt zu den einschlägigen Anlaufstellen aufnehmen.

    oliver

    10. Okt 09 at 02:25

  2. @ oliver:
    ich verstehe deine gründe gut.
    allerdings: stell dir vor, die ärztin hätte damals einen (für dich ja überraschenden) test gemacht, und der wäre positiv ausgegangen. alles ist sofort aktenkundig. du hast bisher vielleicht leider noch keine lebensversicherung, oder berufsunfähigkeitsversicherung, und all das geht nun auch nicht mehr. hiv-positive bekommen keine. oder du bist gerade in der piloten-ausbildung, oder als krankenpfleger. nur als kleine beispiele …
    wäre es nicht besser gewesen, darüber vorher nachzudenken, eine entsprechende beratung zu bekommen, und vorbereitet (und nicht spontan; zb nach abschluss etwaiger wichtiger versicherungen) einen hiv-test zu machen?

    ondamaris

    10. Okt 09 at 11:50

  3. Du sprichst da ein anderes Problem an: die Stigmatisierung und Repression, die HIV-Positive zu spüren bekommen. Das sollte aber richtig gelöst werden — nicht, indem eine schwerwiegende Infektion undiagnostiziert bleibt. Es ist absurd, das eine Vorsorgeuntersuchung negative Konsequenzen haben kann.

    oliver

    10. Okt 09 at 14:15

  4. tschulligung das ich mich hier einmisch . . . .
    wenn mir ne ärztin sagen würde . .wir machen jetzt mal n hiv test weil sie sooft krank sind . .. der würde ich was erzählen das sie nicht mehr weiß wie sie heißt.
    medizinisches personal geht ein hiv ergebnis nichts aber auch gar nichts an. sie haben zu tippen, dir rezepte zu geben, n termin auszumachen und das war s dann. mehr nicht.
    ein arzt/ärztin die von zum ertsne mal das wort risikogruppe in den mund nimmt hat sich für mich schon disqualifiziert. so sind nur mal so nebenbei 90% aller hiv positiven menschen heteros . . . .
    schon der hinweis das ein test ergebnis nicht am telefeon übermittelt wird würde bei mir ein stirnrunzeln auslösen.
     
    was die optionen betrifft – jeder mensch hat das recht eine krankheit zu leugnen, hat das recht nicht wissen zu wollen welche krankheit er hat. die tatsache nur weil jemand schwul ist darauf zu schließen das er möglicherweise und bla bla bla hiv sein könnte und man ihm aus diesem grund nahelegt sich testen zu lassen ist absolut indiskutabel. den genau darauf ziehlt die opt-outo potion hin.
    das wichtigste ist aufklärung – information warum es gut und sinnvoll ist eine test zu machen, was es bedeuted hiv + zu sein, welche behandlungsmöglichkeiten es mittlerweile gibt,  was es bedeuten könnte wenn man ihn nicht macht . . .
    vorausgesetzt es hat sich in einem vertraulichen gespräch zwischen arzt und patinent ein verhältniss entwickelt das auch der arzt zu der schlußfolgerung kommen könnte das es in diesem fall ratsam wäre wenn der patient sich testen läßt.
    die letzte entscheidung hat immer der patient zu treffen. kein arzt darf die entscheidung eines patienten in frage stellen, weder moralisch noch ethisch. in diesem fall hat er die entscheidung schlicht und einfach mitzutragen.
    und dabei spielt es letztendlich keine rolle um was für eine krankheit es sich möglicherweise handeln könnte.
     
     
     

    alivenkickn

    10. Okt 09 at 15:22

  5. @alivenkickn: Also zumindest ich hoffe, dass sich meine Ärtz_innen für schwerwiegende Infektionen bei mir interessieren. Herrje, in dem Fall will ich doch behandelt werden!

    Deshalb empfand ich es auch als völlig angebracht, als meine Ärztin mir den Test (recht eindringlich) nahegelegt hat — übrigens unabhängig von Risikogruppen etc. Mit wem ich schlafe weiß weder sie — noch im Übrigen du.

    Das Recht, nichts zu wissen, hat natürlich jeder. Niemand hat etwas von verpflichtenden Tests geschrieben.

    Die opt-out-Option zielt doch aber genau *nicht* auf den grauenhaften Begriff der Risikogruppe ab, weil der Test Teil der *regulären* Vorsorgeuntersuchungen wird, und eben nicht länger der speziellen. Unabhängig von Zugehörigkeiten zu irgendwelchen Gruppierungen sollen die Menschen standardmäßig getestet werden.

    Deine Aufregung kann ich mal gar nicht verstehen, deinen aggressiven Ton noch weniger.

    oliver

    10. Okt 09 at 22:56

  6. Ich finde es seltsam – und sehr erklärungsbedürftig – dass die “barebacker”-Diskussion konsequent “abwesend” ist.  Genauso konsequent fehlt die Diskussion über die “Aidsleugner”. Ich meine natürlich über die Beweggründe dieser wichtigen Gruppen, mit denen man/frau nicht diskutieren kann.

    thommen

    11. Okt 09 at 02:18

  7. @ oliver du verwechselst aggressivität mit bestimmtheit – energisch sein. das ich behuptet habe zu haben zu wissen mit wem du schläfst . . .da hast du etwas mißverstanden bzw interpretiert was ich nicht geschrieben habe. ;)
    jakob hösl hat zu dem gleichen thema im  blog von ondamaris auf den sich auch someabout bezieht einen sehr aufschlußrecihes posting geschrieben.

    alivenkickn

    11. Okt 09 at 11:13

  8. @ oliver (#3):
    es geht auch nicht um “undiagnostiziert”. ich bin nicht gegen den hiv-test. sondern für einen hiv-test unter erprobten, erfolgreichen bedingungen – vorher qualitätsgesicherte berratung (die auch für prävention genutzt werden kann), und hinterher befratung beim ergebnis
    es geht mir nicht um Pro oder contras hiv-test. sondern um die bedingungen. und die können für mich nur heissen: mit einverständnis und vorheriger guiter beratung

    ondamaris

    11. Okt 09 at 13:55

  9. @ondamaris: Ich verstehe, weshalb bei der momentanen politischen und gesellschaftlichen Lage (von dir angesprochene Versicherungen etc.) eine opt-out-Regelung nicht wünschenswert ist. Aber ich sehe nicht, dass opt-out per se böse ist, wie es in einigen Kommentaren in deinem Blog behauptet wird. Ich sehe große Probleme beim Initialaufwand, d.i. der menschlichen Faulheit: Opt-in bedeutet heute, sich zum Gesundheitsamt aufzuraffen für eine spezielle Vorsorgeuntersuchung, die an wenige sog. “Risikogruppen” als wichtig verkauft wird. Wenn opt-in für euch heißt: Jede_r bekommt bei den Vorsorgeuntersuchungen das Beratungsgespräch mit Aufzeigen etwaiger Konsequenzen abhängig von der momentanen sozialpolitischen Lage und muss sich immer noch bewusst für den Test entscheiden, soll mir das auch recht sein.

    @alivenkickn: Verzeih, wenn ich den ersten Absatz auf mich bezogen habe, obwohl er von meiner Anekdote losgelöst war. Den Beitrag von Jacob verstehe ich nicht. Es geht ja nicht darum unwissentliche Tests durchzuführen. Opt-out hieße für mich, dass bei einem “großen Blutbild” oder so eben auch ein HIV-Ergebnis stünde. Wieso sollte da die rechtliche Regelung so unglaublich anders sein? Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist doch nirgends tangiert: Sagt der_die Patient_in halt “Nein.”

    oliver

    11. Okt 09 at 14:30

  10. der hinweis auf die aids-leugner finde ich amusant, denn:
    ob opt-in oder opt-out, sie leugnen sowieso die existenz bzw die kausalität von hiv. also was soll’s, wie will “man” dies berücksichtigen beim testverfahren? no way.

    michèle

    13. Okt 09 at 21:19

  11. [...] Hauptinfektionsursache. Interessant ist die Äußerung des Instituts zur Opt-in/Opt-out-Debatte (someabout.net berichtete) in den Empfehlungen, die es in seinem Bulletin abgibt: [...] HIV-Testung muss [...]

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