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Homophobie ist heilbar!



„bild der wissenschaft“ über Homosexualität

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In seiner Novemberausgabe hat sich das Magazin „bild der wissenschaft“ (bdw) in einem Schwerpunkt auf insgesamt 13 Seiten ausführlich des Themas der Homosexualität angenommen. Drei Artikel beleuchten dabei mit vielen wissenschaftlichen Referenzen unterschiedliche Bereiche der Thematik.

Das Schwulen-Klischee

Auf den Seiten 62 bis 67 beschäftigt sich der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Nikolas Westerhoff mit der Frage, ob sich am Verhalten eines Kindes ablesen lässt, ob es später das gleiche Geschlecht liebt oder nicht. Unglücklicherweise macht der Artikel direkt mit einem schlimmen Fehltritt in ein großes Fettnäpfchen auf, nämlich indem Westerhoff titelt „Eine neue Studie erregt Aufsehen: Angeblich merkt man es Kleinkindern an, wenn sie später homosexuell werden“. Ein jeder Schwuler wird an dieser Stelle bei genauerem Lesen protestieren und beteuern, er sei nicht homosexuell geworden, sondern es schon immer gewesen.

Mit genau dieser Thematik beschäftigt sich Westerhoffs Artikel, und erfreulicherweise stellt er damit die Versuche als ziemlich unhaltbar bloß, die Menschen mit der Analyse von frühkindlichen Bewegungsmustern in zwei Klassen einordnen wollen – nämlich „heterosexuell“ und „homosexuell“. Dabei erläutert er zunächst die oben erwähnte Studie der US-amerikanischen Wissenschaftler Rieger und Bailey, deren Ergebnisse besagen, Jungs, die später Männer liebten, würden sich in der Kindheit femininer verhalten. Sogleich kommen dann jedoch auch andere Wissenschaftler zu Wort, die ganz andere Schlüsse aus ihren eigenen Untersuchungen ziehen.

„[...] 2003 befragte der Hamburger Psychologe Thomas Grossmann 100 homosexuelle Jungen zu ihrem Verhalten in der Kindheit und ermittelte fünf verschiedene Typen: den „weichen Jungen“, den „unsportlichen Außenseiter“, den „sensiblen Sportler“, den „wilden Einzelkämpfer“ und den „harten Jungen“. Homosexuelle Jugendliche sind demnach genauso unterschiedlich wie heterosexuelle. „Die gesamte Gruppe der Homosexuellen als Rollenverweigerer und Nonkonformisten zu verklären, geht zu weit“, meint auch der Psychologe Warren Throckmorton vom Grove City College in Pennsylvania. [...]“

Quelle: Westerhoff, Nikolas 2009: Das Schwulen-Klischee, in: bild der wissenschaft 2009 (11), S. 66

Auch die, selbst unter Schwulen, weiter verbreitete Meinung, dass Lesbisch-, Bisexuell-, oder Schwul-Sein allein durch die Gene geregelt sei, wird durch Westerhoff in Frage gestellt.

„[...] Wie aber entsteht Homosexualität? „So wie Heterosexualität. Und wie die entsteht, wissen wir auch nicht“, schreibt der Psychotherapeut Jürgen Lemke in seinem Buch „Verloren am anderen Ufer“. Nach Ansicht des Psychobiologen Qazi Rahman von der University of East London liegt der sexuellen Orientierung ein komplizierter Mix aus Natur- und Umweltfaktoren zugrunde – so kompliziert, dass die Wissenschaft nichts Genaueres zu sagen weiß. Zwar entdeckte der Genetiker Brian Mustanki von der University of Illinois in Chicago bei Familien mit zwei oder mehr homosexuellen Mitgliedern übereinstimmende Gen-Abschnitte auf den Chromosomen 4, 6 und 10, dennoch geht die These vom „Homo-Gen“ an der Wirklichkeit vorbei.

Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist einfach zu vielschichtig, um sie mittels weniger Gene erklären zu wollen. Wie hoch der genetische Anteil an Homosexualität ist, vermag kein Forscher genau zu sagen. Je nach Studie schwankt der Erblichkeitsanteil bei Männern zwischen 31 und 74 Prozent, bei Frauen zwischen 27 und 76 Prozent. Ganz gleich, welche Zahl man nun glauben mag, eines ist sicher: Die Umwelt insgesamt beeinflusst gleichfalls die sexuelle Orientierung eines Menschen, angefangen beim „biochemischen Klima“, in dem der Fötus im Mutterleib heranwächst. [...]“

Quelle: ebd., S. 67

Der Artikel kommt letztlich zu dem abschließenden Fazit, dass Homosexualität beim Menschen eine weitaus vielschichtigere Angelegenheit ist, als dass sie sich durch ein bestimmtes Verhaltensmuster oder biologische Vorgaben definieren lasse.

Der Ekel vor dem Anderen

God Hates Fags Protestler
Aktivisten der extrem homophoben Bewegung „God Hates Fags“ in den USA | Fotograf: Flickr.com-User k763 | Lizenz: CC BY 2.0

Der zweite Artikel auf den Seiten 68 bis 71 wurde von Wissenschaftsjournalist Rolf Degen verfasst und erkundet das psycho- und soziologisch durchaus interessante Thema der Homophobie. Warum finden viele Menschen gleichgeschlechtliche Liebe so abstoßend? Degen beruft sich sowohl auf den Vater der Psychoanalytik, Sigmund Freud, als auch auf neuere Studien, wie die von David Pizarro von der Cornell University, der mit seinem Team untersuchte, welche Rolle der Ekel bei der Homophobie spielt. Denn häufig würden sich Betroffene vor Homosexuellen weniger fürchten, wie das Wort Homophobie vermuten ließe, als dass sie sich z. B. vor einem schwulen, sich küssenden Paar ekeln. Der Urreflex des Ekels, der uns eigentlich vor schlechter Nahrung schützen soll, wurde damit zweckentfremdet.

„[...] Die Evolution hat das Ekelgefühl offenbar flexibel gemacht, nach dem Motto: Ekle dich vor den Dingen, die in deiner Gesellschaft als ekelhaft gelten! Die erstaunliche Anpassung der Ekelreaktion führt dazu, dass Ekelmetaphern oft missbraucht werden, um unliebsame Menschen oder Verhaltensweisen zu diffamieren. [...]

(E)in Psychologenteam um David Pizarro von der Cornell University hat mit einem Test 100 Männer und Frauen darauf sondiert, wie leicht sie in den Würgereflex verfallen – sowohl beim Gedanken an widerliche Speisen und Objekte als auch bei der Vorstellung von Verhaltensweisen wie Inzest oder Sex mit Tieren. Dann zeigte Pizarro ihnen Bilder, die eine homosexuelle Thematik hatten, etwa zwei aufeinanderliegende Männer. Gemessen wurde die Geschwindigkeit, mit der die Probanden Assoziationen wie „widerlich“ oder „wunderbar“ beisteuerten. Je schneller eine Person negative Begriffe mit einer Sache verbindet, desto stärker gilt diese als negativ.

Das Ergebnis war eindeutig: Personen, die sich über eine faulige Speise oder eine verwesende Leiche am stärksten ekelten, lehnten auch Schwule besonders schnell und heftig ab. [...]“

Quelle: Degen, Rolf 2009: Der Ekel vor dem Anderen, in: bild der wissenschaft 2009 (11), S. 71

Affe, Pinguin & Co

Der letzte Artikel des bdw-Schwerpunkts beschäftigt sich mit gleichgeschlechtlichem Sex im Tierreich. Der Anthropologe Volker Sommer beschreibt auf den Seiten 72 bis 75 sehr ausführlich, in welcher Vielzahl und auch in welch verschiedenartigen Formen homosexuelle Verhaltensweisen bei Tieren auftreten. Spannend sind dabei zum Beispiel die durchaus anrüchigen Praktiken bei Makaken, also Primaten.

„[...] Eines der Weibchen klettert auf den Rücken der Partnerin, hält sich an deren Schultern fest und reibt ihr Geschlechtsteil über den Rumpf der Bestiegenen. Zuweilen stimuliert sie dabei ihre Vulva mit dem Schwanzende oder mit der Hand. Manchmal assistiert die Bestiegene, oder sie zeigt die auch bei heterosexuellen Kopulationen vorkommende Kupplungsreaktion: Sie wendet ihren Kopf, um der Partnerin in die Augen zu schauen. Dabei schmatzt die Bestiegene mit den Lippen, fasst nach hinten und zieht die Partnerin am Körper. Die Aufreitende setzt ihre Beckenstöße fort, bis sich ihr Körper versteift. Ihr Gesicht ist gerötet, die Lippen runden sich zum „O“-Mund, und sie stöhnt. Dann reagiert sie ähnlich wie ein ejakulierendes Männchen: mit einer deutlichen Pause, dem Vorneigen des Rumpfes und einem tranceartigen Blick ins Nichts. Oft umarmen sich die Weibchen am Ende solcher Begegnungen.

Lesbische Liebe kann also bei Makaken zum Orgasmus führen. Zumindest weisen die Reaktionen auf die gleiche Erregung hin, wie sie bei der Kopulation mit Männchen über implantierte Minisender gemessen wurden – eine erhöhte Herzschlagrate und Vaginalkontraktionen. [...] Auch das gleichgeschlechtliche Repertoire von Makaken-Männchen muss den Vergleich mit menschlichen Vettern nicht scheuen. Es reicht von gegenseitiger manueller Stimulation der Genitalien über Oralsex durch Lecken und Saugen bis zu Aufreiten, Beckenstößen und Analverkehr mit oder ohne Samenerguss. [...]“

Quelle: Sommer, Volker 2009: Affe, Pinguin & Co, in: bild der wissenschaft 2009 (11), S. 72

Erdmännchen
Homo-Sex ist im Tierreich völlig normal | Fotograf: Guiri R. Reyes | Lizenz: CC BY 2.0

Im Folgenden versucht Sommer auch zu erklären, warum Tiere sich überhaupt so verhalten, wo doch gleichgeschlechtliche Sexkontakte nicht der Fortpflanzung dienen und somit den evolutionsbiologischen Prinzipien zu widerstreben scheinen. Er hebt dabei hervor, dass der Sex dabei sowohl sozialstrategisch als auch zum Schutz vor Raubfeinden eingesetzt wird, da es sich im Paar schlichtweg einfacher und sicherer lebt.

Homosexualität im Tierreich könne man außerdem nicht auf eine Art der gleichgeschlechtlichen Interaktion beschränken, sondern es gebe viel mehr verschiedene Homosexualitäten, da sich die Verhaltensmuster sehr unterschieden. Keinesfalls sei der gleichgeschlechtliche Sex aber widernatürlich, weder bei Tieren noch beim Menschen. Und zum Schluss rät Sommer sogar noch an, „animalischen Homo-Sex einfach nur tierisch gut zu finden“ (ebd.).

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