Der reflexartige Aufschrei
Es ist irgendwie lächerlich, was da gerade in der Debatte um die Äußerungen von Andrea Nahles (SPD) über Guido Westerwelles Lebenspartner Mronz vor sich geht. Und ja, an dieser Stelle muss ich einfach einmal meine persönliche Meinung hier posten. Es geht nicht anders. Doch zunächst: Was ist eigentlich passiert?
„SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hat kritisiert, dass Guido Westerwelle bei der Südamerika-Reise als Außenminister von seinem Lebensgefährten Michael Mronz begleitet wird. Auf Spiegel Online wird Nahles zitiert: “Zwar sei die Mitnahme von Managern zur Anbahnung von Wirtschaftsbeziehungen in den jeweiligen Ländern ein sehr üblicher Weg. Nicht üblich sei, dass Lebensgefährten – in diesem Falle von Westerwelle selbst – geschäftliche Vorteile von diesen Mitnahmen oder vielleicht sogar von Gesprächen vor Ort haben könnten.”
Nahles spielt wahrscheinlich auf die Tatsache an, dass Mronz Chef einer Event-Agentur ist. Das hatte zur Kritik an Westerwelles Erscheinen bei der Eröffnungsfeier eines Bonner Luxushotels geführt, die von Mronz als Veranstalter verantwortet worden war. Eine Vermengung privater und geschäftlicher Interessen sieht man bei der Südamerika-Reise im Auswärtigen Amt nicht. Auch frühere Außenminister hätten ihre Partnerinnen auf Auslandsreisen mitgenommen. Mronz sei nicht Teil der Wirtschaftsdelegation, die den Außenminister begleitet.” […]“
Quelle: Samstag ist ein guter Tag
Auf diese Äußerung von Nahles hin brach ein Sturm der Entrüstung über Deutschland herein. Homophobie sei das, und die FDP-Europa-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin bezeichnete den Wunsch Nahles’ nach Auskunft über die Aktivitäten von Herrn Mronz als „niederste Vorurteile gegen Schwule“ (FDP-Pressemitteilung). Herr Milverton ließ sich in einem Artikel ebenfalls über die ach so homophobe SPD aus. Und bei Queer.de, wie sollte es anders sein, machte sich natürlich niemand die Mühe, sich um ein ausführlicheres Statement von Frau Nahles zu kümmern. Dolles Ding.
Anders da Rainer von „Samstag ist ein guter Tag“. Er kontaktierte Frau Nahles via E-mail und erhielt folgende Antwort:
„[…] Selbstverständlich gelten für hetero- und homosexuelle Partner die gleichen Maßstäbe! Bisher war es aber so, dass begleitende Partner von Bundeskanzlern und Minister nicht im Verdacht standen, aus diesen Reisen Vorteile für eigene geschäftliche Tätigkeiten zu ziehen. Genau diese Frage ist ungeklärt und vor dem Hintergrund der aufgetauchten Unstimmigkeiten (Bewirtung Villa Borsig, Hoteleröffnung Bonn, Reisebegleitung) zu beurteilen. Und gerade weil es dieselben Maßstäbe sind, muss eine Frage nach der Verquickung von Interessen auch hier möglich sein. Nicht mehr und nicht weniger.“
Quelle: Samstag ist ein guter Tag
Sehr schön. Wer dieser Aussage jetzt keinen Glauben schenkt, der sollte sich einmal Gedanken darüber machen, ob man eine Politikerin wie Andrea Nahles, die sich immer wieder – und auch bei den „Schwusos“ – homo-freundlich geäußert hat, wirklich als homophob bezeichnen kann.
Ich für meinen Teil finde solche Anschuldigungen, gerade die von Frau Koch-Mehrin, absolut lachhaft. Damit will ich keine pauschale Lanze für die SPD brechen. Nein, darum geht es nicht. Ich finde viel mehr, dass es nicht sein kann, dass wir Schwulen ständig die Gleichberechtigung fordern, aber immer genau dann eine Wattebausch-Behandlung fordern, wenn einmal kritisch hinter die Kulissen geblickt wird. Wenn einmal genau die gleichen Maßstäbe wie bei heterosexuellen Beziehungen bzw. Umständen angelegt werden. Dann auf einmal schreien sie alle und mokieren sich über ach so homophobe Äußerungen.
Wenn Gleichberechtigung, dann richtig. Und dann darf und muss eine solche Nachfrage von Frau Nahles gestattet sein, liebe Freunde.




Hi Henning, Du unterstellst mir/Queer.de, ins “gleiche Horn” zu stoßen und damit ebenfalls der SPD Homophobie vorzuwerfen. Dabei habe ich die Diskussion nur nachrichtlich zusammengefasst und mir gruselt es bei dem Gedanken, man könnte mich da missverstehen
Dass die Homophobie-Anschuldigung lachhaft bis widerlich ist, ist auch meine Meinung, und im übrigen auch die mehrheitliche Meinung unserer Leser (s. Abstimmung). Ein entsprechender Kommentar folgt eventuell noch, nachdem sich auch noch der LSVD in die Sache einmischt, scheint er mir nötiger.
Grüße,
Norbert
Norbert Blech
11. Mrz 10 at 08:30
@Norbert:
Lieber Norbert, schön, dass Du Dich hier meldest, da freue ich mich drüber. Zunächst einmal: Dieser Nebensatz im Artikel war keinesfalls ein Vorwurf, womöglich noch ein pauschaler, an Dich. Nein, sonst hätte ich schon Deinen Namen hingeschrieben
Ich weiß auch, dass Euer Artikel nicht so formuliert ist, dass er wie ein Stoß aussieht. Und das hier ist sicherlich nicht der journalistisch sauberste Artikel von mir, aber mit dem Thema fange ich hinsichtlich Queer.de am Besten nicht an.
Auch wenn Ihr nicht in der Form „hetzt“, wie es Herr Milverton gerne tut, fehlte mir eben doch diese inhaltliche Tiefe, wie sie Rainer erreicht hat, dabei stehen bei Euch viel mehr Leute und auch mehr Geld hinter der Seite. Ich weiß, dass der Alltag als Journalist alles andere als einfach ist. Aber ich erwarte von einer Seite wie Queer.de, die ja auch für sich wirbt als DER Informationspunkt für Schwule im deutschsprachigen Raum, einfach genau diese Nachfragen, die eben nicht erfolgten.
So ist dieser Vorwurf sicher etwas sehr hart von mir, und nicht ganz sauber, hängt aber mit einem, wie ich finde, nicht erfüllten Selbstanspruch von Euch zusammen. Ich überlege mir, wie ich das ein bisschen sanfter umformuliere.
Herzliche Grüße, Henning
Henning
11. Mrz 10 at 09:08
Dass wir einiges besser machen könnten, steht außer Frage. Wobei das mit den mehr Personen und mehr Geld so eine Sache für sich ist.
Anyway, für eine Rückfrage bei der Nahles sah und seh ich keine Veranlassung. Ihre Äußerung steht für sich und erklärt sich aus den Umständen. Lustig wäre allerdings eine Nachfrage bei Koch-Mehrin gewesen, wann und wie sie denn wie behauptet gegen Homophobie gekämpft hat.
Norbert Blech
11. Mrz 10 at 10:42
Nunja, dass ihr sicher auch keine Bäume ausreißen könnt, ist mir auch klar. Aber ihr seid schon ein wenig größer als ein einzelner Blogger, das wollte ich damit zum Ausdruck bringen
Ich denke halt einfach, dass diese Nachfrage sinnvoll war, um dem ganzen Entrüstungssturm Einhalt zu gebieten. Aber egal, nun ist es so, wie es ist, und ich freue mich auf den eventuellen Kommentar zum Thema auf Queer.de!
Henning
11. Mrz 10 at 10:58
Weiß nicht, ob ich noch dazu komme. Muss mich gerade erstmal um echte Homophobie kümmern:
http://www.express.de/sport/fussball/schwule-sollen-sich-anderen-job-suchen/-/3186/1208102/-/index.html
Die Umfrage ist auch klasse
Norbert Blech
11. Mrz 10 at 11:08
[...] Über Westerwelle haben wir schon genug gesagt. [...]
Nichts als Skandale bei someabout.net | Ein queer Blog über Gesellschaft, Sexualität und Lifestyle – von Jungs für alle.
12. Mrz 10 at 22:00
Zitat:” Wenn Gleichberechtigung, dann richtig. Und dann darf und muss eine solche Nachfrage von Frau Nahles gestattet sein, liebe Freunde.” – Zitat Ende.
Da muß ich doch mal ganz dumm fragen, wie oft und bei welchen Gelegenheiten denn die diversen heterosexuellen GespielInnen der Minister einer solchen Nachfrage ausgesetzt waren…
Nicht, das Westerwelle mein Traumkanidat wäre – ich habe nicht genug Mittel, um mir Einfluß in seiner Partei zu erspenden – oder daß das Programm der FDP mir überhaupt zusagte. Ich finde nur, auch diese Frage ist gestattet:
Hat die Nahles ehrlich geantwortet oder hat sie diplomatisch taktiert? Wenn da etwas verwechselt worden ist, ist das kein Problem, jedenfalls nicht für Frau Nahles.
Möglicherweise fehlt aber dem ein oder anderem Blogger – das könnte doch sein, nicht wahr, etwas die Übersicht darüber, was wie gemeint oder auszulegen ist.
Das Politiker sehr selten Dinge wörtlich meinen, die sie sagen, ist doch bekannt, oder? Amüsante und haarsträubende Beispiele gibt es zuhauf.
Gunnar
13. Mrz 10 at 15:56
Lieber Gunnar,
nein, mir fehlt die Übersicht über die Wertung einer solchen Aussage nicht. Ich bin mir durchaus über das Phänomen des „Politikersprechs“ bewusst. Das Problem ist an dieser Stelle nur die Feigheit der FDP, eine solche Frage eben nicht zuzulassen. Ich bin einer Meinung mit dir, dass diese Frage nicht nur bei Herrn Mronz, sondern wenn dann allgemein gestellt werden sollte. Nur geht Nahles’ Nachfrage ja auch wiederum nur auf einen Artikel des SPIEGEL zurück, der sich als ein Blatt, das schwarze Zahlen und möglichst eine Umsatzsteigerung erzielen muss, natürlich darüber freut, eine Story über den Lebensgefährten von Guido Westerwelle bringen zu können.
Wenn man fragt, wie oft nach den GespielInnen anderer Minister gefragt wurde, kommt man sicher zu dem Ergebnis, dass Herr Mronz einer der ersten ist, der danach gefragt wird. Das macht die Nachfrage aber nicht unwichtig, und Frau Nahles’ Verhalten erst recht nicht homophob.
Henning
13. Mrz 10 at 16:02
@ Gunnar – nur als ein Beispiel: Als Doris Schröder-Köpf zum Beispiel Werbung für Tierpflegeprodukte (oder Futter oder so was) gemacht hat, zum Beispiel
@Henning – Danke, das tat mal gut, Deinen Beitrag zu lesen! Vor allem nach der Milverton-Lektüre (ich bin wohlgemerkt kein SPD-Mitglied, meistens nicht mal Wähler, aber das Ganze als “Da hat Frau Nahles uns getroffen – jetzt schlagen wir zurück” Aktion klärt Herrn Westerwelles Verhältnis zur Vettern- und Günstlingswirtschaft keineswegs.
Was Deiner Aufzählung noch fehlt ist ein besonders haarsträubendes Interview mit Axel Hochrein in der Berliner Zeitung:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0313/tagesthema/0050/index.html
Da hat es mir doch wirklich die Schuhe ausgezogen! “Westerwelle hat nie aus seiner Homosexualität politisches Kapital geschlagen. Da gibt es andere, wie Klaus Wowereit.” – na Bravo LSVD sag ich da nur!
LG, Martin
Martin
19. Mrz 10 at 13:45
Was der Herr Hochrein da vom Stapel gelassen ha, war sicher etwas unrein und ärgert mich sogar, insoweit es das “politische Kapital” angeht, das Klaus Wowereit angeblich aus seiner Homosexualität geschlagen hätte.
Wowereit hat damals einen Skandal um seine Person vermieden, er hatte die Informationen das ein täglich erscheinendes Springer-Blatt eine Geschichte über ihn bringen wollte, durchaus mit dem Ziel, ihn zu diskreditieren. “Wowi” hat gehandelt und selbst verkündet, was das Blatt ihm vorhalten wollte. Nichts, aber auch gar nichts ließ auf “politisches Kapital” schließen.
Auch hat, wenn ich mich recht erinnere, der LSVD damals ganz anders reagiert.
Und hier sei auch nochmals erklärt, das ich der FDP nicht nahe stehe. Wenn Westerwelle Vetternwirtschaft betreibt, so gehört dies angeprangert. Könnte man hierzulande mit dem Thema Verpartnerung lockerer umgehen, wäre die Debatte nicht so verlogen und der Terminus “homosexuell” oder “schwul” könnte entfallen. Und es ginge nur um die Sache an sich. Damit könnte ich leben, glaube ich.
Gruß,
Gunnar
Gunnar
22. Mrz 10 at 11:44